Bezirksorganisation Mödling

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5. Sozialdemokratie und Kommunismus

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Bedingt durch das Einfließen nationalen Gedankengutes in die Arbeiterbewegung waren die sozialdemokratischen Parteien nicht in der Lage, den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu verhindern oder ihm auch nur entscheidend entgegenzutreten. Die Massen in allen europäischen Ländern waren von einer Kriegsstimmung erfasst, der die Partei nur wenig bis nichts entgegenzusetzen hatte. Verblendet zog auch die Arbeiterschaft Österreichs mit in diesen Krieg. Die Sozialdemokratische Partei befand sich in einer schwierigen Situation.

 

 

 

 

Blieb sie ihrem Internationalismus und der Friedensidee treu, war nicht nur die legale organisatorische Existenz der Partei gefährdet, sondern ein solcher Schritt hätte auch zur Isolation von den Massen geführt. So wurde schließlich Victor Adlers Ausspruch: „Lieber mit den Massen irren, als gegen sie Recht behalten" zum Leitsatz der Politik, obwohl ein Teil des Parteivorstandes dieser Entwicklung mit großer Sorge begegnete. Nach außen hin gab man sich aber einig und begrüßte den Krieg als Verteidigungskampf gegen den Zarismus.

Man hatte also mit der herrschenden Klasse für die Zeit des Krieges eine Art „Burgfrieden" geschlossen, der darauf abzielte, in einer Zeit der Bedrohung von außen die inneren Zwistigkeiten zu vermeiden, da man, wie ebenfalls Victor Adler erklärte, nur etwas noch mehr als den Krieg fürchtete, nämlich die Niederlage.

Die Sozialdemokratie in Deutschland hatte im Parlament die Kriegskredite mitbewilligt. Der österreichischen Sozialdemokratie blieb eine ähnliche Entscheidung erspart, da das Parlament ausgeschaltet war. Dennoch begrüßte Friedrich Austerlitz als Chefredakteur der „Arbeiter-Zeitung" die Entscheidung der deutschen Sozialdemokraten in einem begeisterten Leitartikel mit den Worten: „Der Tag der deutschen Nation". Allerdings hat auch Austerlitz im späteren Verlauf des Krieges eine geänderte Position bezogen.

Wie in allen anderen Ländern kam es auch in Österreich bereits in den ersten Kriegsmonaten zu einer Opposition gegen die Haltung des Parteivorstandes. In Österreich wurde diese politische Richtung am konsequentesten von Friedrich Adler, dem Sohn Victor Adlers, vertreten. Unter seiner Führung sammelte sich die Linke, zu der sich 1915 und 1916 aber bloß 120 Parteimitglieder bekannten.

Da die Linke bewusst auf eine revolutionäre Agitation und Propaganda unter den Arbeitermassen verzichtete und auch nicht an eine organisatorische Lösung von der Sozialdemokratie dachte, bildete sich innerhalb der Linken eine Strömung der Linksradikalen heraus, die sich an der Politik Lenins, der damals im Schweizer Exil lebte, orientierte. In ihr ist eine organisatorische Vorstufe der späteren Kommunistischen Partei zu erblicken. Da sich Friedrich Adler seiner Isolation von den Massen bewusst war, beschloss er, ein Fanal gegen die Kriegspolitik zu setzen.

Am 21. Oktober 1916 erschoss er den Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh, um damit die Einberufung des Reichsrates zu erzwingen. Friedrich Adler wurde vor ein Ausnahmegericht gestellt, zum Tode verurteilt und später zu lebenslänglicher Haft begnadigt. 1918 wurde er freigelassen. (weiterlesen: science.orf.at)

Während etwa in Deutschland die politische Entwicklung sehr bald auch auf eine organisatorische Trennung der beiden Flügel der Partei hinauslief, war in Österreich das Einheitsdenken noch stark genug, um die Bewegung zusammenzuhalten. Zudem fiel bald die extreme Polarisierung weg, da der Parteivorstand im Gegensatz zur deutschen Entwicklung langsam von seiner Position abwich und sich dem Standpunkt der Linken näherte.

So gelang es Viktor Adler, die Einheit der Partei in diesen Jahren zu bewahren, zumal für den profiliertesten Politiker des linken Flügels, für Otto Bauer, diese Einheit ebenfalls nie infrage stand. Auch die österreichische Arbeiterbewegung geriet im letzten Kriegsjahr in große Unruhe. Auslösendes Moment war in erster Linie die schlechte Ernährungslage.

Am 13. Jänner 1918 begann in den Daimler-Werken in Wiener Neustadt eine Demonstration gegen die mangelnde Versorgung. Obwohl strengste Pressezensur herrschte, breitete sich der Streik bald über das gesamte Industriebecken aus. Am 15. Jänner hatte der Streik auch nach Wien übergegriffen. Vom 14. bis 22. Jänner 1918 befand sich fast eine Million Werktätiger in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich, der Obersteiermark, Krakau, Brünn und Budapest im Aufstand. Es gelang der Sozialdemokratie sich an die Spitze dieser revolutionären Bewegung zu stellen und sie unter Kontrolle zu bringen. Nach Verhandlungen und einigen Zugeständnissen war die Arbeiterschaft zur Wiederaufnahme der Arbeit bereit.

Jännerstreik 1918

In dieser Streikbewegung wurde ein neues Organisations­element der Arbeiterbewegung geschaffen, der Arbeiterrat, der in den Folgemonaten eine große politische Rolle spielen sollte. Im Gegensatz zu anderen Ländern war jedoch in Österreich die gesamte Rätebewegung stets unter der Kontrolle der sozialdemokratischen Partei. Die Übernahme einer Funktion war sogar an das Abonnieren der Arbeiter­-Zeitung gebunden.

https://brand-history.com/kaltenbrunner-medienberatung/az-arbeiter-zeitung

Das für die Arbeiterbewegung im internationalen Maßstab wichtigste Ereignis in diesen Jahren war ohne Zweifel die Oktoberrevolution in Russland. Obwohl Russland zu den unterentwickeltsten Ländern in Europa zählte, hatte sich in einigen wenigen Zentren eine starke Industrie entwickelt. In keinem anderen Land Europas war die Unterdrückung der Arbeiterbewegung ähnlich stark wie im zaristischen Russland, aber in keinem anderen Land übte gerade der Marxismus eine so große Anziehung auf die Intellektuellen aus. Bedingt durch die Illegalität, die jede Identifikation mit dem bestehenden Staat ausschloss, gelang es den russischen Marxisten, ihre Partei auf einen streng revolutionären Kurs festzulegen.

Die Parteitage der russischen Sozialdemokratie mussten im Ausland stattfinden. Im Jahre 1903 hatte sich dabei Wladimir Iljitsch Uljanow (Pseudonym Lenin) mit seinem Prinzip der Organisation, das im Gegensatz zu den westeuropäischen Parteien eine Kaderstruktur vorsah, durchgesetzt. Im Jahre 1905, nach der Niederlage Russlands im russisch-japanischen Krieg, hatte ein Matrosenaufstand auf dem Panzerkreuzer Potemkin bereits eine Revolution ausgelöst.

Es gelang dem zaristischen Militär zwar, die Revolution niederzuschlagen, der Zar sah sich jedoch gezwungen, eine Reichsduma, also ein Parlament, zu bewilligen. Wirtschaftlich war das zaristische Russland dem Ersten Weltkrieg noch weniger gewachsen als Österreich-Ungarn. Der Verlauf des Krieges, die ungelöste Verfas­sungsfrage, die innere Brüchigkeit einer dekadenten Führungsschicht, die durch Parteien und Intrigen gespalten war, trieben Russland immer mehr einer großen Revolution zu. Im März 1917 brachen Streiks und Unruhen in St. Petersburg aus.

Da die Petersburger Truppen zu den Aufständischen übergingen, war der Kampf in wenigen Tagen entschieden. Der Arbeiterrat (Sowjet) hatte die Macht in Händen, war aber noch nicht in der Lage, die Regierung im gesamten Staat zu übernehmen. Daher kam es vorläufig zur Bildung einer provisorischen Regierung aus einem Duma-Komitee. Zar Nikolaus II. dankte am 15. März ab. Damit war der erste Schritt der Revolution, die bürgerliche Revolution, abgeschlossen.

Neben der bürgerlichen Regierung entstanden in allen entscheidenden Zentren nun Sowjets. Als Lenin am 16. April 1917 in Petersburg ankam, wurde ihm ein begeisterter Empfang bereitet. Vor allem seine Forderung nach einer Beendigung des Krieges fand die Zustimmung der breiten Masse. Gerade in dieser Frage versagte die bürgerliche Regierung völlig. Trotz der drohenden Niederlage war sie nicht bereit, den Kampf aufzugeben.

Die "Oktoberrevolution": Lenin und Leo Trotzki in St. Petersburg

Am 7. November 1917 fand der zweite allrussische Sowjet-Kongress in St. Petersburg statt. In diesem Kongress hatten die Bolschewisten die Mehrheit gegenüber den Menschewisten und Sozialrevolutionären. Der Kongress erließ Dekrete über den Frieden, über Grund und Boden und über die Ernährung. Die Forderung für Friede, Brot und Land war das Signal zur Machtübernahme. Mit der Oktoberrevolution übernahm ein Rat der Volkskommissare die Regierungsgewalt.

Am 15. November wurde eine Deklaration der Rechte der Völker Russlands erlassen, die das nationale Selbstbestimmungsrecht im revolutionären Sinne der bolschewistischen Nationalitätenpolitik betonte. Bei den Wahlen am 25. November in die konstituierende Nationalversammlung blieben die Bolschewisten deutlich in der Minderheit. So wurde das Parlament bei seinem ersten Zusammentreten am 18. Jänner 1918 durch rote Truppen gesprengt.

Sofort nach ihrer Machtübernahme bemühten sich die Bolschewiki um einen Waffenstillstand. Am 15. Dezember kam es schließlich zum Abschluss des Waffenstillstands zwischen Deutschland und Russland. Es folgten die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und nach einigen von Deutschland provozierten Unterbrechungen und kriegerischen Aktionen, die dem jungen bolschewistischen Staat große Gebietsverluste brachten, kam es am 3. März 1918 zum Abschluss des Friedens.

Auch nach der Machtübernahme der Bolschewiki in Russland gab die Konterrevolution die Versuche nicht auf, die Macht wieder zurückzuerobern. Ein jahrelanger Bürgerkrieg zwischen den „Roten" und „Weißen", die große militärische, finanzielle und wirtschaftliche Hilfe aus dem Ausland erhielten, folgte.

Der Sieg der Bolschewiki in Russland hatte die Situation für die gesamte Arbeiterbewegung der Welt entscheidend verändert. Wenn man von der Pariser Kommune absieht, hatte nun der Sozialismus erstmals in seiner Geschichte die Chance, seine Ideen in der Praxis zu verwirklichen. So wurde das Experiment des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion von den Arbeiterbewegungen aller Länder mit großer Anteilnahme verfolgt.  Der revolutionäre Weg der russischen Arbeiterbewegung war auch Gegenstand politischer und strategischer Diskussionen von Sozialisten in aller Welt.

Die Stellung zur Sowjetunion war von nun an ein entscheidendes Kriterium, zu welcher Richtung innerhalb der Arbeiterbewegung man sich zählte. Die im Entstehen begriffene kommunistische Partei befürwortete die Entwicklung,  die rein reformistischen Gruppierungen standen der Sowjetunion distanziert gegenüber, und die Austromarxisten bemühten sich um einen differenzierten Standpunkt, der, entsprechend der ideologischen Bandbreite des Austromarxismus, bei den einzelnen Vertretern unterschiedlich aussah.

Seit dem ersten Weltkrieg ist die Arbeiterbewegung weltweit in zwei große Lager gespalten. Aus der Linksopposition in den Kriegsjahren entwickelten sich in den ersten Nachkriegsjahren die Kommunistischen Parteien, die sich von den Sozialdemokraten vor allem durch die Art des Parteiaufbaus (Massenpartei oder Kaderpartei) mit allen sich daraus ergebenden politischen Konsequenzen unterscheiden.

Diese Entwicklung machte auch vor Österreich nicht halt. Da aber hier die Linksopposition innerhalb der Sozialdemokratie geblieben war, bot sich den Kommunisten keine Basis. Ihre Hoffnung auf das sogenannte Lumpenproletariat und die Kriegsinvaliden zeigt die Kurzsichtigkeit ihrer Strategie. Es gab zwei Versuche, mit Gewalt die Macht in der jungen Republik an sich zu reißen, die jedoch scheiterten. So stellte die KPÖ unter der Führung von Franz Koritschoner in allen Jahren der Ersten Republik nur eine kleine, unbedeutende Splittergruppe dar, die es weder zu einem Mandat im Nationalrat noch zu einem Sitz im Wiener Gemeinderat brachte.

 

Literaturtipps:

Wiener Zeitung: Friedrich Adler- Ein Pazifist als Mörder

Die Presse: Friedrich Adler erschießt Stürghk

Wolfgang Maderthaner: Friedich Adler

Lexikon der politischen Strafprozesse: Dr. Friedrich Adler

Robert Misik: Der unbekannte, grandiose Doktor Adler

Parlament: Der Jännerstreik 1918

ORF/Hugo Portisch: Hört die Signale¸ 2. Teil, 3. Teil

Die Russische Revolution 1917: Teil 1, Teil 2, Teil 3

Lernvideos zur Oktoberrevolution: Russische Revolution – Februarrevolution, Oktoberrevolution, Bolschewiki – Menschewiki & Bürgerkrieg

OÖ Nachrichten: Der "Burgfrieden" in Frankreich, Österreich und Deutschland

Lebendiges Museum Berlin: Geschichte der USPD

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